Abschnitt 4 von 5
Wie Lerch Zaza schrieb
Für Lerch war die Schreibung kein Nebenproblem. Er wollte die kurdischen Mundarten nicht nur ungefähr wiedergeben, sondern die einzelnen Laute so genau wie möglich festhalten. Für Kurmändi setzte er 37 Laute an: neun Vokale und achtundzwanzig Konsonanten. Zazä war nach seiner Analyse um zwei Konsonanten reicher und hatte daher 39 Laute: neun Vokale und dreißig Konsonanten.
Die russische Ausgabe erklärt das Prinzip besonders deutlich: Jedes Zeichen der Tabelle soll einen einzelnen Laut bezeichnen, der in allen Lautverbindungen derselbe bleibt. Diese Erklärung ist wichtig, weil Lerchs Schreibungen nicht als moderne Zazaki-Orthographie gelesen werden sollten. Sie sind der Versuch, eine mündliche Sprache mit einem möglichst konsequenten phonetischen System zu fixieren.
Lerch hatte zunächst Sjögrens ossetisch-russisches Alphabet als Grundlage benutzt. In der Nachschrift von 1857 erklärt er jedoch, warum er diese Lösung änderte. In der älteren Tabelle fehlte für den Halbvokal w ein eigenes Zeichen; Lerch hatte ihn behelfsweise mit y wiedergegeben. Weitere Arbeit an Zend und Parsi sowie eine genauere Beschäftigung mit der physiologischen Seite der Laute überzeugten ihn, dass diese Schreibweise ungenau war. Deshalb zählt die neue Tabelle dreißig statt neunundzwanzig Konsonanten.
Als Lerch seine Chrestomathie zum Druck vorbereitete, entschied er sich nach reiflicher Überlegung gegen das ossetisch-russische Alphabet und für ein lateinisch basiertes System. Sein Grund war praktisch: Die von ihm untersuchten Mundarten wurden vor allem von Kurden außerhalb Russlands gesprochen, und er erwartete, dass künftige Forscher in erster Linie Franzosen, Engländer, Amerikaner oder Deutsche sein würden, die in der Türkei und in Persien arbeiteten. Ein lateinisches Transkriptionssystem war für diese internationale Forschung brauchbarer.
Lerch wollte dabei nicht noch ein neues Alphabet erfinden. Er übernahm das von Lepsius ausgearbeitete linguistische oder Standard-Alphabet, das bereits als allgemeines System zur Umschreibung ungeschriebener Sprachen und fremder Schriftsysteme vorgeschlagen worden war. Für die in Transkaukasien gesprochenen kurdischen Mundarten ließ er die russische Frage offen: Wenn man dort mit russischen Buchstaben arbeiten müsse, könne Sjögrens ossetisch-russisches Alphabet vorläufig die besten Dienste leisten.