Abschnitt 1 von 5
B. von Dorns Bericht über Roslawl
Gelesen am 20. Juni / 2. Juli 1856.
Es ist mir diesmal eine besondere Freude, mich an die Klasse zu wenden. Ich glaube mit Zuversicht sagen zu können, dass wir dabei sind, wieder einen wichtigen Zweig der orientalischen Sprach- und Geschichtswissenschaft ans Licht zu bringen. Dieser Zweig lag bisher trotz wiederholter Bemühungen und Hinweise von Gelehrten, besonders hierzulande von Fraehn, noch allzu sehr im Dunkeln: die Sprache und Geschichte des kurdischen Volkes.
Der Kandidat der Universität St. Petersburg, P. Lerch, ist von seiner Reise nach Roslawl zurückgekehrt. Dorthin hatte ihn die Akademie mit Genehmigung ihres Präsidenten, Graf N. D. Bludow, geschickt, damit er die kurdische Sprache lerne und weitere Forschungen zu diesem Volk durchführe. In seinem ausführlichen Bericht an die Klasse, dem diese Zeilen nur als Einleitung dienen sollen, hat Lerch ausreichend Rechenschaft über seinen erfolgreichen Umgang mit den kurdischen Kriegsgefangenen gegeben. Außerdem hat er mir die folgenden Sprachproben und Texte vorgelegt.
I. Prosa
a) Im Kurmändi-Dialekt
- Übersetzungen von sieben Erzählungen aus Dietericis Chrestomathie Ottomane, Berlin 1854, S. 31-38.
- Übersetzung von achtzehn türkischsprachigen Fabeln aus Letelliers Choix des Fables Turques, Paris 1826.
- Zwei Märchen und eine Fabel.
- Eine ausführliche Erzählung über das Schicksal des Mir von Palu, Awdullah-Baeg.
- Eine Erzählung über die unglückliche Liebe der Tochter eines Stammesoberhaupts vom Stamm Römi.
- Eine Übersetzung der finnischen Rune, die Zetterquist vorläufig in sechs Sprachen veröffentlicht hatte.
b) Im Zazä-Dialekt
- Drei ausführlichere Erzählungen über Fehden zwischen kurdischen Stämmen.
- Zwei Märchen.
- Eine Sage vom Vogel gö’in, dem Uhu.
Außerdem hat Lerch einzelne Gespräche niedergeschrieben und die Bacmeister'schen Sprachproben in beide Dialekte übersetzt.
II. Poesie
Fünfundzwanzig Volkslieder, von denen einige zwanzig oder vierzig Verse lang sind. Sie sind größtenteils im Kurmändi-Dialekt, einige zeigen aber Eigenschaften des Zazä. Ihr Inhalt ist teils erotisch, teils heroisch.
Nach genauer Durchsicht und Prüfung dieser Sprachproben und Texte bin ich überzeugt, dass ihre gewissenhafte und sorgfältige Bearbeitung Lerch wirklich in die Lage versetzen wird, einen Abriss der kurdischen Grammatik und eine kleine Chrestomathie samt Glossar vorzulegen. Beides wird als Grundlage und Anstoß für weitere ausführlichere Arbeiten auf diesem Gebiet dienen.
Ich erlaube mir daher, bei der Klasse zu beantragen, Lerch in die Lage zu versetzen, seine aus Roslawl mitgebrachten wissenschaftlichen Materialien zu bearbeiten und für den Druck vorzubereiten. Eine solche Unterstützung würde ihn zugleich stärken und ermutigen, auch seine anderen begonnenen Arbeiten über das kurdische Volk weiterzuverfolgen.